Eine Karfreitagsgeschichte

Eine Karfreitagsgeschichte. Zum Glück. Es ist einer meiner Lieblingstexte, von denen, die während meiner Zeit an der Deutschen Journalistenschule entstanden sind. Dieser hier im Rahmen des Zeitungsprojekts „Wir sind im Krieg“. Aber wäre es keine Karfreitagsgeschichte, ich hätte mir noch ewig den Kopf zerbrochen, wann ich ihn auf meine Homepage stelle. Bei der Recherche ließ ich mir auch von den Admins eines Forums für Angehörige von Soldaten helfen. Die stellten meine Anfrage in das verständlicherweise nicht öffentliche Forum. Daraufhin bekam ich eine der bewegendsten Mails meines Lebens. Von einer Angehörigen. Sie beschrieb das Leid der Angehörigen in bedrückender Plastizität und warf mir in den wirkungsvollen Worten der Betroffenen Zynismus vor, wenn ich „mit dem Elend sinnloser Todesfälle“ auch noch Geld verdienen wolle. Nachdem ich ihr den bereits geschriebenen Text zu lesen gab, nahm sie das zwar wieder zurück. Aber zynisch wäre es gewesen, bei diesem Text auf einen aktuellen Anlass zu warten.

Andere kämpfen weiter

Erst um acht Uhr abends erfährt Carmen Bruns, dass ihr Mann tot ist. Es ist Karfreitag. Sie ist mit ihrer zweijährigen Tochter bei Verwandten und war nicht zu Hause, als Militärpfarrer Bernd Göde und der stellvertretende Kommandeur des Bataillons 373 vor ihrer Tür standen. Mittags hatte Pfarrer Göde Bescheid bekommen, dass er sich auf den Weg machen muss.

AUF DIE FRESSE

GEWALT IST EINE LÖSUNG. AUCH WENN MAN EUCH DAS GEGENTEIL ERZÄHLT: GEWALT IST EINE LÖSUNG. HEUTE IST ALLES ERZIEHUNG ZUR HARMLOSIGKEIT. DASS MAN IMMER LÄCHELT, DASS MAN LACHT. DAS MUSS MAN AUS DEN LEUTEN RAUSKRIEGEN. WIR SAßEN UNSEREN LEHRERN GEGENÜBER UND HABEN DIE NIEDERGEMACHT. EUCH MUSS MAN PRÜGELN, DAMIT IHR AUS EUCH RAUSGEHT. AUS DEN FESSELN DER SELBSTINSZENIERUNG, DIE JEDER BETREIBT. EUCH DA RAUSBRECHEN, DAS IST DAS, WAS ICH MIT MEINEN FILMEN MACHE. ES GEHT JA NICHT DARUM, WAS ÜBERZEUGT. ODER WAS STIMMT. ODER WAS GUT IST. ES MUSS WIRKEN. MACHT DIE SACHEN, DIE EUCH PEINLICH SIND. MACHT DAS, WO IHR DENKT, JETZT SEHEN DIE LEUTE ZU VIEL VON DIR. DER BESTE IST DER, DER MIT LEICHTIGKEIT VON EINER KATASTROPHE IN DIE NÄCHSTGRÖßERE FÄLLT. UND DIE LEICHTIGKEIT KRIEGT MAN, WENN MAN AUF DIE FRESSE KRIEGT IM LEBEN. NUR DIE FEHLER MACHEN DIE PERSÖNLICHKEIT EINES KÜNSTLERS AUS. IHR HABT ANGST VOR FEHLERN. WEIL IHR GEWÖHNT SEID, AUF EINEM FLIEßBAND ZU LEBEN. SOLANGE MAN VOLL AUF RISIKO LEBT, BLEIBT MAN IMMER 23. THE SAME FUCKING DAY, EIN GANZES LEBEN LANG. MAN WIRD NICHT DIE BOHNE SCHLAUER IM LEBEN. DAS SEHT IHR DOCH, DASS DIE WICHSER ALLES IMMER SCHLIMMER MACHEN, WENN SIE ÄLTER SIND. ES GIBT KEINEN PAPA, DER EUCH IM LEBEN AUCH NUR BEI IRGENDWAS HELFEN KANN. DAS SEHT IHR DOCH, DASS DIE SÖHNE UND TÖCHTER VON DEN LEUTEN, DIE OBEN SIND, NOCH SCHNELLER SCHEITERN ALS ANDERE. WENN IHR MORGENS AUFWACHT UND EURE DROGEN, EURE MILCH, ALLES IST BEZAHLT: WAS SOLL DENN DANN NOCH PASSIEREN IM LEBEN? WENN MAN REICH IST, KANN MAN SICH AUCH GLEICH UMBRINGEN. JUNG DENKEN KANN MAN NICHT KAUFEN. WENN IHR NICHT SELBST EIN BISSCHEN REVOLUTION IN EUCH AUFBAUT UND DARAN AUCH WIRKLICH GLAUBEN KÖNNT, HABT IHR KEINE CHANCE UND SINKT ALS NÄCHSTE GENERATION IN DAS MASSENGRAB GUTER ABSICHTEN, IN DAS GENERATIONEN VOR EUCH STILLSCHWEIGEND ABGESTIEGEN SIND. IHR WERDET BEHERRSCHT VON LEUTEN ÜBER 40, ÜBER 50 UND KEINER VON EUCH HAT JEMALS DEN AUFSTAND GEWAGT. ABER ANSTATT ZU FRAGEN: „WAS IST DIE REVOLUTION?“, FRAGT IHR: „WAS IST DAS MASSENGRAB GUTER ABSICHTEN?“

 

KLAUS LEMKE, jahrgang 1940, kult-regisseur, authentizitäts-fetischist, spontanitäts-freak. 90 minuten live, ein telefonat, ein paar fernsehbeiträge als rohmaterial. geschnitten, resampled und nachbearbeitet. eine zitatcollage in großbuchstaben. weil’s wirkt.

Enter The Void

Gestern im Werkstattkino: Das krasseste Kinoerlebnis an das ich mich erinnern kann. Intensivste audiovisuelle Überbelastung über fast drei Stunden hinweg. Wenig Story, aber emotional unangenehmer, schaurig schöner Tiefgang in beklemmender Großstadt-Neon-Trip-Optik. Absolut sehenswert. Auch wenn es wohl nicht jedermanns Sache ist. Beim Ansehen: Leinwandpflicht!

Hier noch zwei treffende Kritiken:
http://www.kino-zeit.de/filme/enter-the-void
http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,713763,00.html